Anonymisierungsdienst TOR: Wenn die Polizei 2x klingelt
“The Onion Router”, kurz TOR, ist eine mittlerweile sehr populäre Methode, um anonym im Internet zu surfen. Mit Hilfe eines so genannten Exit-Nodes lassen sich TCP-Verbindungen
aufbauen und so Daten im Web abrufen und bereitstellen, ohne daß der Nutzer mittels IP-Adresse auffindbar wäre.
Das TOR-Overlay-Netzwerk wurde an einer US-Uni entwickelt und zeitweise sogar von der dortigen
Regierung mitfinanziert. Inzwischen wird es vor allem von der Netzbürgerrechtsorganisation
Electronic Frontier Foundation (EFF) vorangetrieben; mit „JAP“ gibt es ein technisch etwas anders aufgebautes deutsches Pendant von der TU Dresden.
Was an Universitäten als Forschungsprojekt gefördert und von Datenschützern und Bürgerrechtlern
weltweit begrüßt wird, kann einen Otto-Normal-Nutzer jedoch in eine äußerst prekäre
Situation bringen, wie Benedikt Weber (Name geändert) schmerzlich erfahren mußte. Der Grund: Die deutschen Polizeibehörden haben ein Auge auf die Technik geworfen.
Weber, ein 24-jähriger Jura-Student und freiberuflicher
Web-Entwickler, ist in der Open-Source-
und Free-Speech-Szene engagiert – kein Wunder, daß ihn daher technische Entwicklungen
zum Schutz persönlicher Daten sehr interessieren. Aus diesem Grund entschloß er sich auch, mit TOR zu experimentieren – und zwar ursprünglich nur zu Testzwecken. Und so brummte ein Exit-Node – also der Rechner, der am Schluß der anonymen TOR-Kette steht und die Daten letztlich anfordert – über mehrere
Monate friedlich nebenher auf einem von Webers Servern in einem Rechenzentrum.
Im August 2006 dann der Schock: Plötzlich standen zwei Ermittler der Kriminalpolizei vor Webers Tür und wedelten mit einem Durchsuchungsbefehl.
Grund der Aktion: Ein „Ermittlungsverfahren
wegen Verbreitung kinderpornographischer
Schriften“ – so ziemlich die unangenehmste Straftat, derer man sich neben Mord und Totschlag bezichtigt fühlen kann.
Weber wußte zunächst nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Ihm und auch seiner Mutter, die während der Durchsuchung anwesend war, war klar, daß er eine solche Straftat niemals begangen
hat. Doch der 24-jährige ist sich der Schwere
des Vorwurfs bewußt und möchte den gegen ihn erhobenen Verdacht verständlicherweise schnell aus der Welt räumen.
Im Gespräch mit den beiden Beamten kam schnell heraus, daß die zum Ermittlungsverfahren
gehörende Straftat über das Internet verübt wurde. Benedikt Weber bat die beiden Beamten daher um Nennung der betroffenen IP-Adresse.
Sofort wurde ihm klar, daß diese zu dem von ihm angemieteten Server gehört.
Dann dämmerte es ihm: Die Sache hängt wohl mit seinem TOR-Exit-Node zusammen. Das heißt: Die Beamten suchten also gar nicht Weber als Betreiber, sondern einen TOR-Nutzer,
der über seinen Exit-Node anonym ins Netz ging.
Das erklärte Weber auch den Polizisten, die offensichtlich keine IT-Experten waren. Viel half das allerdings nicht: Benedikt Weber wird darüber informiert, daß die Beamten bereits vom Betrieb des TOR-Servers wussten.














