Guantanamo, immernoch Folter?

Ein Doku-Film des US-amerikanischen Journalisten Dan Rather stellt eine beunruhigende Theorie auf: Im US-Gefangenenlager Guantanamo wird auch nach dem Machtwechsel in den USA noch immer gefoltert.

Der Film behandelt die Geschichte des ehemaligen Guantanamo-Insassen Lakhdar Boumediene. Dieser beschreibt sehr detailliert, wie er in dem Lager von US-Soldaten und Geheimdienstangehörigen gefoltert wurde. Diese Berichte sind zwar in vieler Hinsicht schockierend, jedoch angesichts dessen, was über das Lager seit Jahren bekannt ist, kaum überraschend. Brisanter ist eine andere Aussage Boumedienes: Er behauptet, in dem Lager werde auch nach dem Amtsantritt Barack Obamas noch immer gefoltert. Nach Angaben Boumedienes hat sich in Guantanamo “nichts geändert”. “Sie haben mich unter Obama mehr gefoltert als unter Bush”, sagte er in der Dokumentation.

Der Wahrheitsgehalt dieser Aussagen ist momentan nur schwer zu überprüfen. Nach Angaben Dan Rathers wirkt Boumediene glaubwürdig. Verantwortliche in Guantanamo allerdings dementierten die Anschuldigungen.

Rather betont allerdings, dass es sich bei der von Boumediene beschriebenen Folter innerhalb der letzten Monate nicht um Verhöre gehandelt habe. Vielmehr sei beispielsweise die Zwangsernährung im Hungerstreik befindlicher Insassen “so schmerzhaft und unangenehm wie möglich” gemacht worden. Außerdem hätten einige Wärter, die von der bevorstehenden Entlassung Boumedienes erfahren hatten, “eine Gelegenheit gesucht, ein paar letzte Grausamkeiten anzubringen”.

Als Konsequenz aus diesen Aussagen und auch aus angeblich noch immer stattfindenden Misshandlungen Gefangener im Lager Bagram fordert Rather nun eine bessere Aufklärung der Zustände in diesen Lagern. Er beschuldigte die US-Regierung, nicht in allen Punkten die Wahrheit über die Zustände in Guantanamo gesagt und die Schwere der Misshandlung Gefangener heruntergespielt zu haben.

Quelle: Gulli , Film

Murat Kurnaz: Fünf Jahre meines Lebens

Ein junger Mensch mit Migrationshintergrund erkennt, wie Menschen aus seinem Umfeld, Freunde und Bekannt, zunehmen ins Abseits geraten. Drogen, Gewalt, Knast, …
All das will er nicht. In ihm keimt ein zunehmendes Interesse an Religion, am Islam. Er ist zwar Muslim, aber seine Kenntnisse beschränken sich auf Allgemeines. Regelmäßig geht er in die Moschee, will sich nach seiner Hochzeit noch intensiver mit seiner Religion beschäftigen. Also beschließt er für einige Zeit ins Ausland zu gehen. Seiner Familie sagt er nicht, sie würde seine Reise verhindern. Einen Abschied gibt es daher nicht. Reisen wollte er mit einem Freund, dessen Ausreise jedoch an den Behörden scheitert.
Soweit die Vorgeschichte. Es ist der Beginn der wohl längsten fünf Jahre im Leben des Bremers Murat Kurnaz.
Anfang Oktober 2001 machte er sich auf den Weg nach Pakistan, um sich an einer der unzähligen Koranschulen weiter dem Islam zu nähern. Im Dezember 2001 wollte er wieder zu Hause in Bremen sein. Den letzten Abend in Peschawar zog Murat Kurnaz über den Markt, um kleine Geschenke für seine Familie zu kaufen.
Kurnaz war bereits auf dem Weg zum Flughafen als ihn die Polizei an einer Straßensperre aus dem Taxi holt. Kurnaz denkt, es handle sich nur um eine Überprüfung seines Visa. Es geht nicht um irgendwelche Visafragen, es geht um ihn. Im Nachbarland Afghanistan herrschte Krieg, “Krieg gegen den Terrorismus”. Erste Verhöre, erste Schläge …
Kurnaz wurde verkauft, für 3000 US-$ wie er später erfahren sollte. Verkauft an die USA. Kurnaz landete in einem Internierungslager im Afghanistan, von dort wurde er Guantanamo geflogen. Was Kurnaz und die anderen Gefangen an diesem beiden Orten erleben war die sprichwörtliche Hölle. Für die USA ist er ein Terrorist, für viele deutsche Medien der “Bremer Taliban”.
Gewalt, Verachtung und Folter, immer wieder. Vieles hat man schon über Guantanamo, die Haftbedingungen und das Martyrium von Kurnaz gehört und gelesen.
Jetzt hat Kurnaz seine Erlebnisse, gemeinsam mit dem Journalisten Helmut Kuhn, in einem Buch niedergeschrieben, welches am Montag erschienen ist. Die Darstellung ist umfangreicher als das, was bisher veröffentlicht worden ist.
In klaren und deutlichen Worten benennt und beschreibt Kurnaz die Foltermethoden und die Strafen, die nach Lust und Laune der Militärs verhängt wurden.
Dem Buch beigefügt ist eine Chronik, die auch einen Blick auf die Aktivitäten der bundesrepublikanischen Politik richtet. Lange versuchten führende Kreise aus Politik und Geheimdiensten die Wiedereinreise von Kurnaz zu verhindern – obwohl es keinerlei Hinweise auf eine Gefährlichkeit gab.
Das Nachwort haben die beiden Stern-Journalisten Uli Rauss und Oliver Schröm geschrieben, die Kurnaz wenige Wochen nach einer Rückkehr aus Guantanamo interviewt hatten.

Das Buch ist absolut lesenswert.