Games Convention in “Leiptsch”

Jahrelang steckte die Computerspielebranche in einer Sackgasse. Nur keine Experimente und teure Fehlentwicklungen. Für die immer gleichen Käufer gab es einige wenige erfolgreiche Titel, die in immer neuen Versionen grafisch auf Hochglanz poliert wurden. Der Mut zu neuen Spielekonzepten aber fehlte.
“Wir langweilen die Leute zu Tode und bringen Spiele heraus, die immer schwerer zu spielen sind”, sagte jüngst John Riccitiello, neuer Chef des weltgrößten Spiele-Verlags Electronic Arts. Aus dieser Sackgasse will sich die Branche nun befreien und die breite Masse der Bevölkerung erreichen.
Jung, männlich, eingefleischt
Einer Umfrage des IT-Branchenverbandes Bitkom zufolge spielen derzeit 35 Prozent aller Deutschen digitale Spiele. Und diese Gruppe ist jung und vor allem männlich: Laut GfK waren im ersten Halbjahr dieses Jahres nur 27 Prozent der Nutzer von PC- und Videospielen älter als 30 Jahre. Ebenfalls nur 27 Prozent waren Spielerinnen. Immerhin eine leichte Steigerung - vor zwei Jahren waren es im gleichen Zeitraum nur 22 Prozent. Zwar hatte der Software-Riese Electronic Arts mit seiner virtuellen Seifenopfer “Sims” schon vor Jahren einen überraschenden Erfolg vor allem bei weiblichen Gamern. Auch Playstation punktete mit dem Karaoke-Spiel Singstar. Doch das waren eher Ausnahmen.
Analysten des renommierten Markforschungsinstituts Gartner prognostizierten der Branche daher große Probleme. Immer ausgefeiltere Grafikdarstellungen machen die Entwicklung der Spiele teurer. Preise zwischen 50 und 70 Euro pro Spiel sind eher die Regel als die Ausnahme. Der Kreis der eingefleischten Gamer, die solche Preise anstandslos zahlen, wird hingegen nicht größer.
“Casual Games” als Treiber der Aufbruchsstimmung
Auf der Leipziger Computerspielemesse Games Convention macht sich nun Aufbruchstimmung breit. Viele Unternehmen präsentieren neue Konzepte für die neuen Zielgruppen - Frauen und Ältere. Man weiß auch schon, worauf sie anspringen: “Casual Games sind im Kommen”, sagt Olaf Wolters, Geschäftsführer der Bundes Verbandes Interaktive Unterhaltung. “Casual Games” sind leicht zu bedienende Spiele für nebenbei.
In kaum einem Segment ist derzeit der Frauen-Anteil unter den Spielern so hoch wie in diesem Genre. Nach Angaben des Spieleentwicklers Intenium schätzt man die Zahl der Nutzer hier auf weltweit über 150 Millionen, wobei der Anteil von Frauen über 35 Jahre bei 60 Prozent liege. “Casual Games haben sich zu den eigentlichen Treibern der Spieleindustrie entwickelt”, sagt Intenium-Gründer Konstantin Nikulin. Vor wenigen Tagen erst sicherte sich Electronic Arts die Rechte für elektronische Versionen von Gesellschaftsspiel-Klassikern wie Monopoly und Scrabble.
Bewegung statt Spitzengrafik
Dass der Mut zu neuen Konzepten durchaus belohnt wird, beweist Nintendo mit seiner seit rund einem Jahr vermarkteten Spielekonsole Wii. Als die vor einem Jahr auf der Games Convention vorgestellt wurde, erntete das Unternehmen noch müdes Lächeln. Zwölf Monate später schauen die großen Konkurrenten Sony und Microsoft ehrfürchtig auf Nintendo. Mit der fast revolutionären neuen Spielsteuerung ist der Konzern locker an der Konkurrenz vorbeigezogen. Die musste mit Preissenkungen reagieren, um die Absatzeinbrüche aufzufangen.
Die Wii hat mit dem klassischen Videospiel nicht mehr viel zu tun. Statt eines komplizierten, mit zahlreichen Knöpfen bestückten Steuergerätes funktioniert sie über einen bewegungssensitiven Controller - der so genannten Fernbedienung. Ein Infrarotempfänger nimmt die Signale auf. Diese Technik soll auch Ungeübten einen schnellen Einstieg ermöglichen. Bei einem Tennisspiel etwa müssen die Spieler mit der Fernbedienung in der Hand richtige Schlagbewegung machen, beim Abenteuerspiel wird die Steuerung zum Schwert. Auf ausgeklügelte Grafik legt Nintendo hingegen keinen großen Wert.
Wii als Befreiungsschlag
Nintendo sieht sich laut Nintendo-Deutschland-Chef Bernd Fakesch als Trendsetter. Die Entwicklung der Wii freilich geschah bei Nintendo aus einer Notlage heraus. Mit seiner alten GameCube war das Unternehmen gegen die Playstation von Sony und die Xbox von Microsoft hoffnungslos unterlegen.
Nintendo verabschiedete sich von der Gruppe von Extrem-Spielern und warb gezielt um neue Zielgruppen. Der demographische Wandel stelle die gesamte Spieleindustrie vor gänzlich neue Herausforderungen, meint Fakesch. 54 Prozent der deutschen Bevölkerung seien bereits über 40 Jahre alt. Und gerade unter denen habe Nintendo mit seinen Spielen und Konsolen neue Zielgruppen erreichen können.
“Nicht leicht, Spiele für jedermann zu entwickeln”
Der Erfolg der Wii hat die Branche überrascht, aber auch befeuert. Nintendo hat bewiesen, dass neue Zielgruppen mit neuen Ideen erreicht werden können. “Wir wollen weg davon, dass die Spieler erst stundenlang ein Handbuch lesen müssen, ehe sie loslegen können”, sagt nun auch die Chef-Entwicklerin der Software-Firma Ubisoft, Pauline Jacquey. Der Aufbruch zu neuen Ufern gelingt allerdings nicht per Knopfdruck. “Es ist gar nicht so leicht, Spiele für jedermann zu entwickeln”, räumt Jacquey ein.
Dafür sind Investitionen nötig. Ubisoft hat eine Extra-Entwicklungsabteilung mit 300 Leuten aufgebaut, die sich allein um neue Zielgruppen kümmern soll. Dazu wurde auch ein neues Label “Games for everyone” kreiert. Spiele für “die ganze Familie” sollen entwickelt werden. Die ersten Ergebnisse sind auf der Games Convention zu sehen. Dazu gehören Tier-Spiele, Lern-Spiele und auch eine Koch-Schule.
Der Ärger der Hardcore-Gamer
Dass die Branche so intensiv über neue Kunden nachdenkt, ist eine Entwicklung, die nicht allen Recht ist. Mancher Hardcore-Gamer befürchtet schon, von der Industrie nicht mehr ernst genommen zu werden: Sie ärgern sich in Foren über die billige Unterhaltung für den Massenmarkt.
Hardcore-Gamer ärgern sich in Foren über die billige Unterhaltung für den Massenmarkt. “Hört auf Casual Games zu entwickeln”, heißt es da. “Damit zerstört ihr die echten Spiele. Die spiele auf die man Jahre wartet.” Und sogar Boykott-Aufrufe werden geschrieben. “An alle Wii-Spieler dieser Erde. Kauft keine Casual Games.”















